Rede vom Mittwoch, 22. Januar 2014
zum Antrag der CDU-Fraktion:

Thema: Überholte Lehrmethoden abschaffen und den Deutschunterricht verbessern

Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren! Wir sind uns darüber einig, dass die Rechtschreibung in Hamburger Schulen verbessert werden muss. Viele Bereiche der Kommunikation spielen sich in den Bereichen der Schriftsprache ab, seien es nun eine E-Mail, eine SMS oder eine Nachricht im Chat. Schriftliche Kommunikation ist wichtiger denn je.

Wir haben uns Anfang Dezember letzten Jahres, darauf sind Sie eingegangen, im Rahmen einer Expertenanhörung über den Deutschunterricht an den Grundschulen informieren lassen und uns damit auseinandergesetzt. Kurz danach wurde dann Ihr Antrag veröffentlicht. Nun frage ich mich, wie Sie diese Anhörung ausgewertet haben und ob Sie tatsächlich zugehört haben.

(Anna-Elisabeth von Treuenfels FDP: Das fragen wir uns bei Ihnen auch!)

Wie können Sie sonst diesen eklatanten Unterschied erklären, der zwischen der Meinung der Experten und dem, was in Ihrem Antrag steht, zu lesen ist.

(Beifall bei Dr. Stefanie von Berg GRÜNE und Dora Heyenn DIE LINKE – Anna-Elisabeth von Treuenfels FDP: Nee, nee, nee!)

Ein kleines Beispiel für das Phänomen, dass man nur das hören will, was man gern hören möchte, haben wir sogar schon lesen können. Wir bekamen eine E-Mail von „Wir wollen lernen“, die die Debatte zusammenfasste. Einheitlich sollte hier, laut des Netzwerks von Herrn Dr. Scheuerl, gesagt worden sein, die Experten forderten, man müsse den Bildungsplan ändern. Die Zusammenfassung ist falsch, da muss man nicht einmal die 60 Seiten Protokoll lesen,

(Zurufe von der CDU)

denn da ist – für mich jedenfalls – ein einmaliger Vorgang passiert. Die Experten schickten dem Schulausschuss einen Brief, in dem sie empört feststellten, dass ihre Positionen einseitig verfärbt und sachlich falsch dargestellt wurden.

(Anna-Elisabeth von Treuenfels FDP: Nicht alle!)

Ich darf daraus vorlesen:

„Es wurde mehrheitlich KEINE Veränderung des gegenwärtigen Bildungsplans gefordert. Dessen Vorgaben wurden sogar explizit von mindestens vier der sieben Experten als fachlich fundiert und als gute Grundlage für die Unterrichtspraxis bewertet.“

Da wundere ich mich schon, wie Sie zu dieser Einschätzung kommen.

(Beifall bei der SPD und bei Dr. Stefanie von Berg GRÜNE – Anna-Elisabeth von Treuenfels FDP: Immerhin drei bleiben übrig!)

Also lassen Sie uns festhalten: Die Mehrheit der Experten sagt, dass eine Veränderung des Bildungsplans nicht notwendig sei, sondern sieht ihn als gute Grundlage an. Und so mal eben kann man einen Bildungsplan auch nicht ändern. Der Atlas von Bildungsplänen setzt neben der Einsetzung einer Bildungsplankommission, die den Plan ausarbeitet, voraus, dass die Kammern der Eltern, Lehrer und Schüler diesen besprechen und Änderungsvorschläge formulieren können. Danach steht dann eine weitere Überarbeitung an, und dann beschließt die Deputation den Plan. Das strukturierte Verfahren dauert mindestens ein Jahr. In der ganzen Zeit hat sich jedoch am Unterricht noch gar nichts geändert.

(Anna-Elisabeth von Treuenfels FDP: Wer macht denn die Handreichung?)

Das macht wohl nichts, okay. Aber die noch interessantere Frage ist, ob ein Bildungsplan denn tatsächlich den Unterricht ändert. Da kann ich Ihnen als Lehrer sagen: auf den ersten Blick, nein. Was braucht nämlich ein Bildungsplan? Er braucht eine klare Konkretisierung. Genau das macht der Senat, indem er das Landesinstitut auffordert, eine Handreichung zu erarbeiten,

(Anna-Elisabeth von Treuenfels FDP: Na, toll!)

die den Lehrern und Lehrerinnen eine Konkretisierung der Bildungspläne an die Hand gibt und Fortbildungsmaßnahmen anbietet, denn darum geht es auch.

(Anna-Elisabeth von Treuenfels FDP: Nee, darum geht es nicht!)

Genau das hat unser Senat gemacht. Gleich zu Beginn der Senatsbefragung konnte der Schulsenator ein überzeugendes und umfangreiches Konzept zur sofortigen Verbesserung der Rechtschreibung vorstellen. Neben Erläuterungen für einen guten Rechtschreibunterricht wird es Fortbildungsmaßnahmen geben. Die Fachleitungen Deutsch an den Schulen werden durch Regionalkonferenzen fortgebildet und können zügig ihre Kolleginnen und Kollegen, die das Fach unterrichten, informieren. Es geht also nicht darum, mit großen Effekten mal eben einen angeblich falschen Bildungsplan zu verändern und damit nichts für die Schulen zu ändern, sondern es geht darum, zügig und auch nachhaltig zu handeln.

Dazu gehört auch die Einführung eines Kernwortschatzes, der für die Schulen verbindlich ist und Kindern und Lehrkräften eine sichere Orientierung bietet. Dieser soll rund 800 Wörter umfassen. Hier sind wir allerdings nicht deckungsgleich mit Ihrem Antragspunkt Nummer eins. Wir wollen keinen Grundwortschatz, der in allen Schulen absolut gleich ist, sondern die Schulen sollen ihn neben dem Kernwortschatz, der Wörter enthalten soll, an denen man die Rechtschreibung gut lernen kann, um mindestens 50 Prozent erweitern können. Auch damit wollen wir den unterschiedlichen Lebenswelten der Kinder gerecht werden.

Unser Kernwortschatz unterscheidet sich also davon, dass wir nicht sagen, wir wollen stur Wörter auswendig lernen lassen, die man paukt wie die Vokabeln, sondern dass man lernt, wie man Rechtschreibung gut darstellen und lernen kann und Wörter kennt, mit denen man sich als Kind helfen kann.

Diese regelhaften Wörter werden bereits im Kernwortschatz der Bildungspläne der BSB enthalten sein. Hiermit werden wir mit der bewährten, bundesweit geschätzten „Hamburger Schreibprobe“ ein verlässliches Instrument etablieren, um Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern eine sichere Rückmeldung über die Entwicklung der Rechtschreibleistungen zu geben.

Was wir nicht machen werden: Wir werden an den Schulen keinen Glaubenskrieg anzetteln über die beste Methode. Wir wissen, dass meist unterschiedliche Methoden guten Unterricht ausmachen und Lehrerinnen und Lehrer auf unterschiedlichen Wegen zu guten Ergebnissen kommen. Eine Sache ist ganz klar, und da hilft dann auch wieder Lesekompetenz: Ein Unterricht, der monatelang oder gar jahrelang nicht auf die richtige Rechtschreibung achtet, ist in Hamburg nicht zulässig. Punkt. Das regelt eindeutig der Bildungsplan. Die Konkretisierung erfolgt durch diese Handreichung, dann kann das auch nicht mehr passieren. Punkt 3 Ihres Antrags entfällt somit auch.

In Punkt 2 sprechen Sie von einer einheitlichen Anlauttabelle. Auch die ist nicht sinnvoll. Eine Anlauttabelle ist kein Werkzeug des Rechtschreiblernens. Sie dient den ersten Experimenten der Lautund Buchstabenzuordnung, da kann man Unschärfen ertragen. Außerdem muss man davon ausgehen, dass jeder Unterricht oder jede Fibel, egal, nach welchem Konzept sie aufgebaut ist, eine Anlauttabelle enthalten wird. Sollen wir dann die Lehrerinnen und Lehrer auffordern, diese Anlauttabelle herauszureißen und die neu laminierte Anlauttabelle der Behörde einzulegen, die mit dem Konzept des Schulbuchs nicht übereinstimmen wird? Ich stelle mir da die Frage, wie das laufen soll.

Festzuhalten bleibt, dass unsere Lehrerinnen und Lehrer gute Arbeit machen und auch bei Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern zu guten Ergebnissen kommen. Die Schulen sind auf dem richtigen Weg, und darauf bauen wir auf. Wir wollen sie durch unsere Maßnahmen unterstützen und nicht behindern. In Hamburg haben wir einen guten Bildungsplan, der guten Unterricht ermöglicht. Im Bereich der Rechtschreibung hat der Schulsenator zügig reagiert und Konkretisierungen und Verbindlichkeiten schnell auf den Weg gebracht.

(Jörg Hamann CDU: Das hat Ihnen der Senat aufgeschrieben!)

Wir lehnen Ihren Antrag ab. Der Senat hat in vielen Punkten schon weiter gearbeitet als Sie vorschlagen. Maßnahmen, die langwieriges Verwaltungshandeln als Selbstzweck vorsehen, lehnen wir ab. Außerdem wollen wir keinen Glaubenskrieg über falsche oder richtige Lehrmethoden führen, nur weil irgendein „Spiegel“-Artikel darüber schreibt.
(Anna-Elisabeth von Treuenfels FDP: Das kann ja wohl nicht wahr sein!)
Die Lehrerinnen und Lehrer leisten gute Arbeit an unseren Schulen; wir unterstützen sie dabei und geben ihnen Hilfsmittel und Werkzeuge an die Hand. Unsere Schulen sind gut, und zwar durch die Vielfalt ihres Angebots. – Vielen Dank.

(Beifall bei der SPD)

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