Rede vom Donnerstag, 29. November 2012
zum Antrag der FDP-Fraktion

Wahlfreiheit und Flexibilität im Hamburger Schulsystem – Entschleunigung nach Klasse 10 zulassen

Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Frau von Treuenfels, ich finde es gut, dass wir beide ein Interesse daran haben, allen Schülern den besten Weg zum höchstmöglichen Abschluss in Deutschland zu ermöglichen, dem Abitur. Das ist auch der Grund, warum wir Ihrem Antrag mit Überzeugung zustimmen können. Es passiert nicht häufig, dass wir ohne Weiteres eine Zustimmung erteilen.

(Beifall bei der FDP und bei Frank Wiesner SPD)

Unser Ziel ist es, allen Schülern, die den Willen und das Potenzial dazu haben, den besten Weg zum Abitur zu bereiten. Deshalb haben wir uns dafür eingesetzt, dass alle Stadtteilschulen Oberstufen haben. Diese Oberstufen sind beliebt, bei den eigenen Schülern, aber auch bei den Schülern des Gymnasiums. Dabei geht es den Schülern nicht immer nur darum, wie gerade vorgestellt, dass sie es nicht schaffen können, manchmal geht es auch darum, dass man vielleicht die Lerngruppe wechseln oder wegen eines interessanten Profils wechseln möchte. Und was ganz wichtig ist: Häufig steht die Entscheidung der Schülerinnen und Schüler dahinter, denn sie sind in einem Alter von 15 bis 16 Jahren, das heißt, hier geht es, nachdem wir uns ganz viel mit dem Elternwahlrecht beschäftigt haben, auch darum, den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit zu geben, über ihren eigenen Bildungsweg zu entscheiden.

(Vereinzelter Beifall bei der SPD und der FDP)

Wir haben gerade der jüngsten Studie entnehmen können, dass die Schülerinnen und Schüler mit dem achtjährigen Abitur zu guten Ergebnissen kommen; das hat uns gefreut. Besonders gefreut hat es uns, weil dadurch deutlich wird, dass die Kolleginnen und Kollegen am Gymnasium sehr gute Arbeit geleistet haben. Trotz alledem wissen wir, dass das nicht für alle der richtige Weg ist.

Schon lange wissen wir, dass auch Schülerinnen und Schüler nicht nur in der Stadtteilschule, sondern auch in der Oberstufe des Gymnasiums und der Gesamtschule noch ihren Weg gefunden haben, das Abitur zu machen. Für viele war es die Möglichkeit, nach der zehnten Klasse doch noch zum Abschluss zu kommen. Eine andere Möglichkeit war, Teile der Oberstufe am Gymnasium zu wiederholen, und genau das halten wir pädagogisch für falsch.

Manchmal ist es wichtig, neue Strukturen zu schaffen. Ich hatte die Möglichkeit, mit einer Schülerin zu sprechen, die vor zwei Jahren den Weg aus der zehnten Klasse des Gymnasiums an die Oberstufe meiner Stadtteilschule gefunden hat; genau der Fall, um den es uns geht. Ich fragte sie, wie das denn für sie gewesen sei. Sie antwortete: Zunächst war es nicht schön, denn ich kam aus der zehnten Klasse und dachte, ich würde nur noch zwei Jahre bis zum Abitur brauchen. Eine zwölfte Klasse gab es bei uns aber noch gar nicht – die Oberstufe wurde erst neu eingerichtet -, es gab nur eine elfte Klasse. Ich fragte sie nach den Gründen ihres Wechsels. Einer der Hauptgründe war, dass sie Mitte der zehnten Klasse festgestellt hatte, dass es mit dem Abitur offensichtlich nichts mehr wird. Und dann passierte das, was man kennt, man resigniert. Sie sagte, sie habe den Unterricht nicht mehr regelmäßig besucht, keine Hausaufgaben mehr gemacht, sich immer seltener beteiligt und die Arbeiten seien immer schlechter ausgefallen. Der Wechsel in die elfte Klasse unserer Stadtteilschule war dann auch ein Weg, überhaupt mal wieder in Schule anzukommen, sich daran zu gewöhnen, was es heißt, wieder etwas von sich selbst zu erwarten. Sie sagte – und das hat mich gefreut -: Ihr gebt mir Zeit dafür, Themen wirklich zu durchdenken und mich mehr mit ihnen auseinanderzusetzen, sie auch einmal zu wiederholen, ich fühle mich hier nicht mehr ständig überfordert. Ich glaube, das ist ein Weg, den wir Schülerinnen und Schülern ermöglich müssen. Sie sollen das Gefühl haben, dass Schule auch ein Ort zum Verweilen und vielleicht sogar zum Wohlfühlen ist, auch in der Oberstufe.

(Beifall bei der SPD und bei Robert Heinemann CDU)

Um das Fallbeispiel zu Ende zu bringen: Die Schülerin wird demnächst bei uns das Abitur machen, und wie es aussieht, mit einem sehr guten Abschluss; das freut mich. Wir haben uns bei der Frage über den Zugang zur Oberstufe an der Stadtteilschule Gedanken gemacht, was das für die Stadtteilschulen bedeutet. Besteht nicht die Gefahr, dass wir wieder einen Notausgang schaffen und die Stadtteilschule ein Reparaturbetrieb wird?

(Dora Heyenn DIE LINKE: Ja, so ist es, genau so!)

Werden die Eltern nicht überlegen, ihr Kind dann doch am Gymnasium anzumelden, wenn nach der zehnten Klasse geschaut werden kann, ob es nicht eher etwas an der Stadtteilschule wird? Das kann durchaus sein. Ich weiß nicht, ob die Strategien mancher Eltern so weit gehen; ich glaube es nicht. Aber wir treffen heute eine Entscheidung für die Schülerinnen und Schüler, und die kann man nicht dafür bestrafen, dass ihre Eltern voreilig oder falsch gehandelt haben. Natürlich würde ich mich freuen, wenn Eltern von vornherein sagen würden: Diese Stadtteilschule ist eine Schule für alle Kinder, ich bin der festen Überzeugung, dass mein Kind hier so differenziert gefördert wird, dass es auch, wenn es manchmal Probleme in der Schule hat, zu einem guten Abschluss kommen kann. Das können wir nicht von allen Eltern erwarten, wir können aber die Möglichkeit schaffen, dass ein solcher Wechsel für Einzelfälle möglich ist. Deshalb werden wir dem Antrag zustimmen.

Es ist viel durch die Presse gegangen. Da ging es darum, dass damit die Stadtteilschulen gestärkt werden; das ist richtig. Es sollte aber nicht unser Ziel sein, darauf zu schauen, wie wir leistungsstarke Schüler an die Stadtteilschulen bekommen, sondern es ist unsere Aufgabe, die Stadtteilschulen so mit Personal und Ressourcen auszustatten, dass sie eine gute Alternative zum Gymnasium ist. Auf diesem Weg sind wir; viele Stadtteilschulen sind das schon. Wir wollen das in allen Teilen erreichen, um überall das Bewusstsein durchzusetzen, dass es, wie Frau von Treuenfels sehr richtig sagte, ein vollwertiges Abitur ist, das ich an der Stadtteilschule erlangen kann.

(Vizepräsidentin Dr. Eva Gümbel übernimmt den Vorsitz.)

Dann sind wir auf dem richtigen Weg. Wir treffen eine gute Entscheidung für Hamburgs Schülerinnen und Schüler, und wir sollten nicht vergessen, dass es die Schülerinnen und Schüler sind, die in einer sehr schwierigen Situation sind und nicht so richtig wissen, wie es weitergeht; es werden Anforderungen an sie gestellt, auch von den Eltern. Wir haben heute die Möglichkeit, ihnen einen Weg zu eröffnen, das gut bewältigen zu können. Das sollte unser Ziel sein. – Vielen Dank.

(Beifall bei der SPD und der FDP und bei Robert Heinemann und Karin Prien, beide CDU)

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